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"Miteinander - das Foyer aufbauen" Vortrag von Bischof Josef Clemens zum 70-Jahr-Jubiläum der Foyers vom 7. Juni 2006 |
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Liebe Mitbrüder im
priesterlichen Amt,
liebe Schwestern und Brüder!
Ich freue mich und danke Ihnen sehr, dass Sie mich eingeladen haben, diesen Tag mit Ihnen zu erleben und Ihnen für Ihr Zusammensein in den nächsten Tagen einen kleinen "Anstoß" zur persönlichen Meditation und zum gemeinsamen Nachdenken zu geben.
Zuerst möchte ich Ihnen jedoch die Grüße des Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Laien, Herrn Erzbischof Stanis_aw Ry_ko, des Herrn Untersekretärs Prof. Guzmán Carriquiry und aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unseres Dikasteriums überbringen. Unser Rat fühlt sich Ihnen allen sehr verbunden und wünscht Ihrem Internationalen Treffen einen geistlich fruchtbringenden Verlauf.
Sie haben Ihre Zusammenkunft unter das Stichwort "Miteinander" gestellt, das ein wichtiges Stichwort für die Spiritualität der Foyer de Charité darstellt. Sie werden diesen Grundbegriff in den nächsten Tagen weiter anwenden auf die Bereiche des "Miteinander - für unsere Aufgabe" / "Miteinander - im alltäglichen Leben" / "Miteinander - verantwortlich für die weitere Entwicklung".
Bei einem ersten Nachdenken über diesen Zentralbegriff "Miteinander" kam mir das Gemeindeleben der ersten Christen in den Sinn, wie es in der Apostelgeschichte des Hl. Lukas geschildert wird. Ich dachte spontan an ein Begriffspaar, mit dem über das Miteinander der jungen Glaubensgemeinde gesagt wird: "Sie waren ein Herz und eine Seele" (Apg 4, 32).
Dieses tiefe Miteinander der ersten Gemeinden des Ursprungs vermittelt uns aufgrund seiner Nähe zum Ereignis der Inkarnation und der Geistsendung zweifellos ein besonderes Richtmaß; es fordert auch heute uns heraus, es kann uns begeistern und unser heutiges Miteinander erneuern. Kardinal Ratzinger spricht von der Apostelgeschichte des Hl. Lukas als einer "ersten Ekklesiologie", in der der Evangelist die Urgemeinde als eine "exemplarische Form der Kirche aller Zeiten" entwirft und damit Maßstäbe für jedes zukünftige Verstehen der Kirche umschreibt. Ich fragte mich daher nach den "Wurzeln" dieses Miteinanders, nach den tiefen "Gründen" und den "Quellen", aus denen sich dieses so tiefe und eindrucksvolle Miteinander speist.
Das Begriffspaar aus der Apostelgeschichte "Sie waren ein Herz und eine Seele" (Apg 4, 32) steht in der Mitte von drei zusammenfassende Beschreibungen des Lebens der Urgemeinde. Ein erstes Summarium finden wir in Apg 2, 42-47, ein zweites in Apg 4, 32-37 und ein drittes in Apg 5, 12-16. Ich beziehe mich in meinen Überlegungen lediglich auf die beiden ersten Berichte, da der dritte Bericht bereits genannte Zusammenhänge bekräftigt und sich vor allem auf die «Zeichen und Wunder» der Apostel bezieht.
1. Die "koinônia" als Identitätsmerkmal der ersten Christengemeinde
Die erste Zusammenfassung des gemeinsamen Lebens der Gläubigen erfolgt unmittelbar auf den Bericht des Pfingstereignisses, bzw. auf die Predigt des Petrus. Diese neue Gemeinschaft ist damit als eine direkte Folge der Ausgießung des Hl. Geistes anzusehen. Wir stehen vor einer Art "Kettenreaktion": Die Ausgießung des Hl. Geistes am Pfingstfest _ Die Predigt des Petrus _ Zahlreiche Bekehrungen _ Die Gemeinschaft der ersten Glaubenden.
Es heißt in Apg 2, 42-47: "(42) Sie verharrten aber bei der Lehre der Apostel und bei der Gemeinschaft, dem Brechen des Brotes und den Gebeten (44) Alle die Gläubigen aber waren beisammen und hatten alles gemeinsam. (45) Und die Besitztümer und die Vermögenswerte verkauften sie und verteilten sie an alle, je nachdem einer Bedarf hatte. (46) Täglich verharrten sie einmütig im Tempel, in den (einzelnen) Häusern aber brachten sie (das) Brot; sie nahmen Nahrung zu sich mit Jubel und in Lauterkeit des Herzens; (47) sie lobten Gott und hatten Gunst bei all dem Volk. Der Herr aber fügten die Geretteten täglich hinzu zur Gemeinschaft."
Diese Verse legen die bestimmenden Elemente einer eher "von außen" betrachteten Lebensbeschreibung der Neubekehrten vor, die in der Öffentlichkeit Jerusalems nicht verborgen bleiben konnten. Papst Benedikt spricht hier von einer Art "Definition der Kirche". Auffällig ist die Betonung der Beharrlichkeit und Regelmäßigkeit ihres Tuns (VV 42+46), die ohne Zwang geschehen und die Tiefe ihrer Gemeinsamkeiten offen legen.
Wir erfahren, dass die Getauften einer nach der Taufe zu leistenden Unterweisung in der «Lehre der Apostel» bedürfen, d.h. eine Erklärung der Schrift im Licht des Christusereignisses, der Integration in die (brüderliche) «Gemeinschaft», der Einübung ins gemeinschaftliche Leben. Diese «Gemeinschaft» besteht im Einklang des Denkens und in der Sorge für die Notleidenden, die bis zur Gütergemeinschaft geht . Kurz gesagt: Sie ist eine Gemeinschaft aufrichtiger agapè - Bruderliebe.
Die koinônia wird weiter charakterisiert durch das (gemeinsame) Brotbrechen, die gemeinsamen Mahlzeiten (Sättigungsmahl und Feier der Eucharistie) und die (gemeinsamen) «Gebete». Zu beachten ist ihre «Einmütigkeit» ("hamotymadon"). Täglich verharrte die gesamte Gemeinschaft der Gläubigen «einmütig» im Tempel, zum Gebet und zur öffentlichen Lehre der Apostel und hatte alles gemeinsam. Diese einmütige, frohe und lautere Gemeinschaft der Gläubigen und ihr Gotteslob verschafft ihr großes Ansehen, hat Vorbildcharakter und eine ausgeprägte ("anziehende") missionarische Wirkung.
Die «Einmütigkeit» der jungen Gemeinde wird zu einem Glaubwürdigkeitskriterium der verkündeten Botschaft ganz im Sinne der antiken Lebensregel "Verba docent, exempla trahunt", die dem römischen Dichters Horaz (66 - 8 v. Chr.) zugeschrieben wird. Die junge Christengemeinde kannte jedoch den bei Horaz durchschimmernden Gegensatz von "Verba" und "Exempla" nicht, da sie dem lebendigen Wort als dem unüberbietbaren Beispiel Folge leisteten. Denken wir an ein Wort des Hl. Petrus aus dem Johannesevangelium (Joh 6, 68), das in der Übersetzung der Neo-Vulgata lautet: "Domine, ad quem ibimus? Verba vitae aeternae habes." und an eine Antwort Jesu im gleichen Evangelium (Joh 13, 15): "Exemplum enim dedi vobis, ut, quemadmodum ego feci vobis, et vos faciatis."
Kardinal Ratzinger stellt sich der Frage, wo die Quellen dieser Einheit liegen: "Diese Versammlung verharrt einmütig im Gebet und empfängt so vom Herrn her ihre Einheit. Ihr wesentliches Tun ist die Zuwendung zum lebendigen Gott - das Offenwerden für seinen Willen." Ihre Einheit ist ein Geschenk Gottes! Weiter sagt der Kardinal: "Das Beten der Kirche findet seine Mitte im «Brotbrechen» - Eucharistie zeigt sich nun als Herz des kirchlichen Lebens." Der Höhepunkt der Hinwendung zu Gott geschieht in der Feier der Eucharistie.
Wie wächst diese «Einmütigkeit», bzw. wie vertieft sich diese Einheit? Dazu sagt Kardinal Ratzinger: "Aber was Gemeinschaft mit den Aposteln bedeutet, ist nun präzisiert als «beharrliches Bleiben in der Lehre der Apostel». Die Einheit hat also einen Inhalt, der sich in einer Lehre ausdrückt. Die Lehre der Apostel ist die konkrete Weise ihrer bleibenden Anwesenheit in der Kirche. Kraft dieser Lehre verbleiben auch die künftigen Generationen nach dem Tod der Apostel in der Einheit mit Ihnen und bilden so dieselbe eine und apostolische Kirche."
Damit sind folgende konstitutive Elemente des Gemeindelebens deutlich geworden: (1.) Die Lehre der Apostel, (2.) die Gemeinschaft, (3). das Brotbrechen, (4.) und das Gebet.
Kardinal Ratzinger erläutert diese vier Wesensbegriffe der Urkirche: "Festhalten an der Lehre der Apostel Festhalten an der Gemeinschaft, am Brotbrechen und an den Gebeten. Man könnte sagen, dass Wort und Sakrament hier als die beiden Grundpfeiler des lebendigen Bauens der Kirche erscheinen. Aber man muss hinzufügen, dass dieses Wort an eine institutionelle Gestalt und an die personale Verantwortung der Zeugen gebunden ist; man muss ferner hinzufügen, dass die Bezeichnung des Sakraments mit dem Wort Brotbrechen den sozialen Anspruch der Eucharistie ausdrückt, die nicht ein isolierter gottesdienstlicher Akt, sondern eine Existenzweise ist: das Leben im Teilen, in der Gemeinschaft mit dem sich selbst verschenkenden Christus." Mir erscheint wichtig, die genannten Elemente der "institutionelle Gestalt" und der "personalen Verantwortung der Zeugen" nicht zu übersehen. Auf die weiteren Fragen kommen wir noch zurück.
Zum zentralen Begriff der "koinônia" führt der Kardinal weiter aus: "Dieses Wort steht zwischen den beiden Begriffen «Lehre» und «Brotbrechen» (Eucharistie); es scheint in gewisser Hinsicht beides miteinander zu verbinden, eine Art Brücke zwischen beiden zu sein. Ferner können wir hinzufügen, dass Lukas die vier vorkommenden Begriffe in zwei Wortpaaren vorstellt: «Lehre und Kommunion», «Brotbrechen und Gebete». Kommunion ist also mit «apostolischer Lehre» verknüpft, bildet mit ihr sozusagen eine geschlossene Einheit und ist damit auch in gewisser Hinsicht vom Brotbrechen (Eucharistie) abgehoben, jedenfalls über den gottesdienstlichen Vorgang hinausreichend dargestellt und wesentlich auf das grundlegende Faktum der beständig festgehaltenen Überlieferung und ihrer kirchlichen Gestalt gegründet."
2. Die agapè als Lebensprinzip der ersten Christengemeinde
Der von mir ausgewählte Doppelbegriff «ein Herz und eine Seele» («kardia kai psychè mia») befindet sich im zweiten Summarium der Apostelgeschichte und besagt eine theologische und existenzielle Vertiefung der bereits erörterten «Einmütigkeit» der Urgemeinde.
Hier werden die vom Hl. Geist gewirkten inneren Grundlagen, das innere Lebensprinzip der jungen Gemeinschaft und zwei unmittelbare Folgen nach außen geschildert: die Gütergemeinschaft der Gläubigen und das kraftvolle Zeugnis der Apostel über die Auferstehung Jesu. All ihr gemeinsames Tun ist von der Gnade Gottes getragen und geleitet.
Es heißt in Apg 4, 32-37: "(32) Der Menge aber der Gläubiggewordenen war (ein) Herz und eine Seele; und auch nicht einer sagte, etwas von seinem Vermögen sei privat, vielmehr war ihnen alles gemeinsam. (33) Und mit großer Kraft erstatteten die Apostel Zeugnis von der Auferstehung des Herrn Jesus, große Gnade war auf ihnen allen. (34) Denn es war auch kein Notleidender unter ihnen; alle nämlich, die Besitzer von Grundstücken oder Häusern waren, verkauften (sie und) brachten die Erlöse der veräußerten (Objekte) (35) und legten (sie) den Apostel zu Füßen. Es wurde aber jedem ausgeteilt, je nachdem einer Bedarf hatte."
o Die Gemeinde lebt in der Liebe zu Gott
Das Begriffspaar «ein Herz und eine Seele» nimmt einen biblischen Doppelausdruck aus dem Buche Deuteronomium auf, wo über Israel gesagt wird, dass «sie das Volk ist, das den Herrn, seinen Gott, mit seinem ganzen Herzen und ganzer Seele liebt» (Deut 13, 4). Damit wird mit dem Doppelbegriff an das im Sche'ma täglich rezitierte Hauptgebot der Gottesliebe («mit Herz und Seele») erinnert, dessen drittes Element «Kraft» in V 33 ebenso erwähnt wird.
Die Liebe zu Gott ist das Hauptgebot und das Unterscheidungsmerkmal des auserwählten Volkes und ein zentrales Element der Kontinuität im Neuen Volk Gottes.
o Die Gemeinde lebt die Verknüpfung von Gottes- und Nächstenliebe
Das Doppelwort «ein Herz und eine Seele» der Apostelgeschichte spiegelt aber ebenso die Neuheit des christlichen Glaubens wieder, da es von der gelebten Wirklichkeit des neuen Gebotes zeugt. Die Gemeinde lebte die Verknüpfung von Gottes- und Nächstenliebe. Die koinônia-Gemeinde ist in diesem Sinne die Gemeinde der Einheit von vertikaler und horizontaler Dimension, sie ist die Gemeinschaft des Neuen Gebotes Jesu.
Es ist eine wunderbare Fügung, dass zu Beginn dieses Jahres der Hl. Vater die Enzyklika "Deus caritas est" veröffentlicht hat, die uns wichtige Elemente für die Vertiefung unserer Überlegungen bietet.
Der Hl. Vater schreibt in seiner ersten Enzyklika zu unserer Frage: "Mit der Zentralität der Liebe hat der christliche Glaube aufgenommen, was innere Mitte von Israels Glauben war und dieser Mitte zugleich eine neue Tiefe und Weite gegeben. Denn der gläubige Israelit betet jeden Tag die Worte aus dem Buch Deuteronomium, in denen er das Zentrum seiner Existenz zusammengefasst weiß: Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft" (6, 4-5). Jesus hat dieses Gebot der Gottesliebe mit demjenigen der Nächstenliebe aus dem Buch Levitikus: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (19, 18) zu einem einzigen Auftrag zusammengeschlossen (vgl. Mk 12, 29-31). Die Liebe ist dadurch, dass Gott uns zuerst geliebt hat (vgl. 1 Joh 4, 10), nicht mehr nur ein "Gebot", sondern Antwort auf das Geschenk des Geliebtseins, mit dem Gott uns entgegengeht."
Der Hl. Vater führt über dieses Verhältnis weiter aus: "Gottes- und Nächstenliebe sind untrennbar: Es ist nur ein Gebot. Beides aber lebt von der uns zuvorkommenden Liebe Gottes, der uns zuerst geliebt hat. So ist es nicht mehr "Gebot" von außen her, das uns Unmögliches vorschreibt, sondern geschenkte Erfahrung der Liebe von innen her, die ihrem Wesen nach sich weiter mitteilen muss. Liebe wächst durch Liebe. Sie ist «göttlich», weil sie von Gott kommt und uns mit Gott eint, uns in diesem Einigungsprozess zu einem Wir macht, das unsere Trennungen überwindet und uns eins werden lässt, so dass am Ende «Gott alles in allem» ist (vgl. 1 Kor 15, 28)."
Der Hl. Vater spricht von der "unlöslichen Verschränkung" von Gottes und Nächstenliebe. "Beide gehören so zusammen, dass die Behauptung der Gottesliebe zur Lüge wird, wenn der Mensch sich dem Nächsten verschließt oder gar ihn hasst."
All dies ist in der Gemeinde Jesu erfüllt, sodass sie wirklich ein «Herz und eine Seele» geworden ist. Diese ihre Erfahrung und ihr Zeugnis sind «ansteckend», wie wir in den Berichten der Apostelgeschichte erfahren.
o Die Gemeinde ist das eschatologische Volk Gottes
Für Lukas ist die Gemeinde das eschatologische Volk Gottes. Es geht ihm um eine ekklesiale Wirklichkeit, in der gemäß der Verschränkung von Gottes und Nächstenliebe und ihrer konkreten Vermittlung im «Volk Gottes» jeder freiwillig auf seinen Besitz zugunsten der Glaubensgemeinschaft und jedes bedürftigen Bruders verzichtet.
Damit ist in der Gemeinde Jesu auch die Verheißung Jahwes für Israel aus gleichen dem Buche Deuteronomium (15, 4) erfüllt. Dort heißt es: "Freilich wird es bei dir keinen Armen geben; denn Jahwe wird dich reichlich segnen in dem Lande, welches Jahwe, dein Gott, dir zum Erbanteil geben wird, dass du es besitzest." Diese messianische Erfüllung wird durch den Verkauf von Privatbesitz ermöglicht, der eine wichtige "soziale Barriere" aufhebt.
Die Gemeinde in Jerusalem engagierte sich mit großer Kraft (vgl. Dtn 6, 5) für die Realisierung des eschatologischen Israel (vgl. Dtn 15, 4 in V 34 a), das durch die Herabkunft des Geistes (Apg 2, 1-13) ins Leben gekommen war und seiner Dynamik entsprechen konnte. Die Gütergemeinschaft war daher nicht so sehr asketisch motiviert, sondern war an der eschatologischen Freude über das endgültige Gelingen des einmütigen Gottesvolkes orientiert. Für Lukas erfüllen sich aber nicht nur die biblischen Verheißungen, sondern ebenso lang gehegte Hoffnungen der Völker.
Ich möchte im Folgenden einige Elemente darstellen, die aus dieser Neubestimmung des Volkes Gottes resultieren. Ich denke an die bereits erläuterte Gütergemeinschaft, die bedingungslose Zulassung der Heiden zur ékkanoia und die brüderliche Hilfe gegenüber jedem Bedürftigen.
o Die Gütergemeinschaft und die uneingeschränkte Hilfe
Zuerst ist die bereits mehrfach erwähnte Gütergemeinschaft zu nennen. Die koinônia konkretisiert sich in der Gütergemeinschaft, die ihrerseits einer "Spiritualisierung" des Glaubens entgegenwirkt. Nach Papst Benedikt konnte diese radikale Form der materiellen Gemeinschaft beim Größerwerden der Kirche nicht aufrechterhalten werden. Er fügt jedoch hinzu: "Der Kern, um den es ging, blieb aber bestehen: Innerhalb der Gemeinschaft der Gläubigen darf es keine Armut derart geben, dass jemandem die für ein menschenwürdiges Leben nötigen Güter versagt bleiben."
Was in der Großkirche nicht mehr möglich war, hat sich aber dennoch in den Orden und Kongregationen, aber auch in vielen Neuen Bewegungen und Kirchlichen Gemeinschaften erhalten. Auf diese Weise geht ein so wichtiges "Proprium" der urkirchlichen Glaubensgemeinschaft nicht verloren.
Die eucharistische Gemeinschaft fügt den "sozialen" Folgen der koinônia eine noch tiefergehende Begründung hinzu. Dazu sagt der Kardinal: "Gemeinschaft im und am Leib Christi bedeutet Gemeinschaft miteinander. Sie schließt das Sich-annehmen, das gegenseitige Geben und Nehmen, die Bereitschaft zum Teilen ihrem Wesen nach mit ein. Mit Kirchengemeinschaft ist es unvereinbar, dass die einen schwelgen und die anderen darben. Sie ist immer «Tischgemeinschaft» im anspruchsvollsten Sinn des Wortes, deren Glieder einander «Leben» gebe müssen - physisch und geistig, aber gerade auch physisch. In diesem Sinn ist die soziale Frage ganz zentral in den theologischen Kern des christlichen Communio-Begriffs eingelassen."
In seiner Enzyklika erinnert Papst Benedikt unter Verweis auf Apg 2, 42-44 an das Programm der Urgemeinde: "Kirche als Familie Gottes muss auch heute wie gestern ein Ort der gegenseitigen Hilfe sein und zugleich ein Ort der Dienstbereitschaft für alle der Hilfe Bedürftigen, auch wenn diese nicht zur Kirche gehören."
o Die bedingungslose Zulassung der Heiden zur ekklèsia
Aus der neuen Verknüpfung von Gottesliebe und Liebe zu den Menschen ergibt sich eine weitere Konsequenz, d.h. die Universalisierung des Heilsangebotes an alle Völker und Rassen. Niemand ist ausgeschlossen, alle Menschen sind gleicher Weise zum Heil berufen!
Dieser neue Anspruch wird auf eine erste Nagelprobe gestellt in der Frage der bedingungslosen Zulassung der Heiden zur ekklèsia. Die grundsätzliche Entscheidung für die Berufung aller Völker war im Pfingstereignis (Apg 2, 1-13) bereits gefallen, wo "Parter, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, von Pontus und der provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Lybiens nach Zyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, Juden und Proselythen, Kreter und Araber, wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden" (Apg 2, 9-11).
Die Universalität des Neuen Gebotes steht in enger Beziehung zum universellen Ruf in die neue Gemeinde. Die koinônia-Gemeinde kennt weder Klassen noch Rassen, sondern nur die gleiche Würde aller und die Berufung aller Menschen zum Heil.
Gleiches erkennen wir bei der Taufe des ersten Heiden Kornelius, wo deutlich wird, dass "Gott nicht auf die Person sieht" (Apg 10, 34). Er hat auch auf Kornelius den Hl. Geist ausgegossen. Es heißt sehr schön in Apg 10, 45: "Die gläubig gewordenen Juden, die mit Petrus gekommen waren, konnten es nicht fassen, dass auch auf die Heiden die Gabe des Hl. Geistes ausgegossen wurde." Diese für die weitere Missionsarbeit entscheidende Frage der bedingungslosen Zulassung der Heiden entwickelt sich in der Folgezeit zur ersten Streitfrage in der jungen Christengemeinde.
Wie im Hause des Kornelius so ist es auch hier Petrus, der als Wortführer der Gemeinde auftritt. Gott hat auch den Heiden unterschiedslos den Hl. Geist geschenkt. Es heißt in Apg 15, 9-11: "Er macht keinerlei Unterschied zwischen uns und ihnen; denn er hat ihre Herzen durch den Glauben gereinigt Wir glauben im Gegenteil, durch die Gnade Jesu, des Herrn, gerettet zu werden, auf die gleiche Weise wie jene." Aus der bedingungslosen Liebe zum Nächsten folgt notwendigerweise der Auftrag, ihn auch an der Frohbotschaft bzw. an der universellen koinônia-Gemeinde teilhaben zu lassen.
o Die universale brüderliche Hilfe
Neben der bedingungslosen Annahme der Heiden in die neue Gemeinschaft zeugt auch ihre unterschiedlose Hilfe für alle Bedürftigen von der universellen Geltung des Neuen Gebotes.
Dazu Papst Benedikt: "Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (vgl. Lk 10, 25-37) bringt vor allem zwei wichtige Klärungen. Während der Begriff «Nächster» bisher wesentlich auf den Volksgenossen und den im Land Israel ansässig gewordenen Fremden, also auf die Solidargemeinschaft eines Landes und Volkes bezogen war, wird diese Grenze nun weggenommen: Jeder, der mich braucht und dem ich helfen kann, ist mein Nächster. Der Begriff «Nächster» wird universalisiert und bleibt doch konkret. Er wird trotz seiner Ausweitung auf alle Menschen nicht zum Ausdruck einer unverbindlichen Fernstenliebe, sondern verlangt meinen praktischen Einsatz hier und jetzt. Es bleibt Aufgabe der Kirche, diese Verbindung von Weite und Nähe immer wieder ins praktische Leben ihrer Glieder hinein auszulegen."
Im zweiten Teil seiner Enzyklika führt der Hl. Vater noch einen sehr treffenden Ausblick ein: "Das Programm des Christen - das Programm des barmherzigen Samariters, das Programm Jesu - ist das "sehende Herz". Dieses Herz sieht, wo Liebe Not tut und danach handelt."
Das Programm der koinônia, der Gemeinschaft des «einen Herzens und der einen Seele», ist in diesem Sinne ein "offenes" Programm, d.h. die Gemeinde ist nach innen fest im Herrn geeint, zugleich aber ist sie nach außen offen, d.h. sie besitzt ein "sehendes Herz". Daher hat diese Gemeinschaft ein offenes Herz für alle, die neu zu ihr kommen wollen und auch eine offene Hand für alle, die Not leiden, auch wenn sie auch nicht zu ihr gehören.
Alle Christgläubigen, die Bischöfe und Priester wie alle Getauften, arbeiten gemeinsam am Aufbau der koinônia-Gemeinschaft. Sie stehen sich nicht gegenüber und schauen sich nicht gegenseitig an, sondern blicken gemeinsam auf Christus, auf den Herrn der Kirche. Ihm geht die Glaubensgemeinschaft als das wandernde Gottesvolk entgegen, von seinem Geist wird sie geführt. Alle Ämter und Aufgaben stehen im Dienst füreinander und im Dienst des gemeinsamen Aufbaus des Volkes Gottes.
Liebe Mitbrüder im priesterlichen
Dienst!
Liebe Schwestern und Brüder!
Meine Darlegungen wollen nur ein kleiner Anstoß sein, der uns zum gemeinsamen Meditieren und Nachdenken anregen will. Sie wollen lediglich einige Anregungen geben, damit Ihr Programm "Miteinander - das Foyer aufbauen" weiter biblisch untermauert und geistlich weiter aufgebaut wird.
Meine Anregungen wollen an das unvergängliche Wort Gottes und die großen Vorbilder des Glaubens erinnern, die uns allen geschenkt sind. Uns sind kostbare "Verba" in der Hl. Schrift und der Tradition der Kirche und zugleich wertvolle "Exempla" aus der Geschichte der Kirche und aus ihrer Gegenwart gegeben. Lassen wir uns von beidem, vom Wort und Beispiel ("verba et excempla"), gleichzeitig belehren ("docere") und anziehen ("trahere").
Ihnen wurde im Foyer de Charité ein außergewöhnliches Vorbild in Marthe Robin gegeben. Sie entdeckte einen neuen Weg, den Glauben zu leben, indem sie Gott als den Vater und Jesus als das Brot des Lebens vorstellte.
o Entspricht nicht der Bericht der Apostelgeschichte ihrer Sicht des Lebens mit Gott als einem Familienleben?
o Entspricht nicht das Leben der Urgemeinde der Erfahrung der einzigartigen Kraft der Eucharistie von Marthe Robin?
o Entspricht nicht die familiäre Sicht des priesterlichen Lebens, das «Miteinander» von Priestern und Laien der Urgemeinde des «einen Herzens und der einen Seele»?
Sie können daher in den kommenden Tagen leicht geistige und geistliche Brücken vom Leben der koinônia der Urgemeinde zu einer von Marthe Robin inspirierten Spiritualität des «Miteinanders» in den Foyer de Charité bauen.
Wir können uns alle im "Gespräch" mit der Gemeinde des Ursprungs, mit ihrer theologischen Tiefe und ihrer Frische des Anfangs, geistlich erneuern und in unserem Engagement anspornen lassen. Dazu möchte ich mit meinem heutigen Anstoß beitragen und ich wünsche Ihrer persönlichen und gemeinschaftlichen Meditation und Reflexion die Gaben des Hl. Geistes und Gottes reichen Segen.
+ Bischof Dr. theol. Josef
Clemens,
Sekretär des Päpstlichen Rates für die Laien,
Vatikanstadt