Predigt von Bischof Marchand, 13. März 2002
Emeritierter Bischof von Valence

Am 13. März 1902 wurde auf dem Bauernhof der auf der Plaine ein kleines Mädchen geboren, das seine Eltern Marthe nannten. Sie wurde einige Tage später auf diesen Namen getauft. Sie hat von ihren Eltern das Leben empfangen und von der Taufe, die von ihren Eltern gewollt war, hat sie die Gnade empfangen, ganz in das Leben Gottes einzutreten und eine Tochter der Kirche zu werden. Was wird aus diesem Kind werden? Ihre Eltern nehmen es auf und werden es bis ans Ende lieben, was immer auch kommen mag. Was wir aus dieser kleinen Marthe werden? Es ist das Geheimnis eines jeden beginnenden Lebens. Heute können wir das Leben von Marthe betrachten, um Dank zu sagen und anzuerkennen, was der Herr mit ihr und durch sie getan hat. Wie wenn man in einer Familie ein Jubiläum feiert, so werden wir zusammen von unserer "Hundertjährigen" sprechen. Aber wir sprechen davon, indem wir auch das Wort Gottes anschauen vom heutigen Mittwoch der 4. Woche in der Fastenzeit.

Für Marthe wie für jeden von uns, ist der Herr von Anfang an da. "Der, der voller Erbarmen für sie ist, wird sie führen" sagt uns Jesaja. "Er wird sie an Wasserflächen führen, um sie zu erfrischen ... Er zeigt den Gedemütigten seine Huld ... Selbst wenn eine Mutter ihr Kind verlassen würde, sagt der Herr, ich werde dich nicht vergessen." Dieses wunderbare Wort aus dem Buch Jesaja wird uns gegeben, um uns zu erinnern, dass jede Person, jedes Kind, das auf die Welt kommt, von dieser Güte Gottes begleitet wird. Es kommt jedem zu, es im Laufe seiner Existenz nach und nach Frucht tragen zu lassen, es zu verstecken oder es nicht anzunehmen. Marthe hat diese Güte Gottes angenommen. Sie hat auf wunderbare Weise in ihr Frucht getragen.

Marthes Vertrautheit mit dem Herrn

Man kann nicht das Leben von Marthe betrachten, ihr Tagebuch lesen, ohne die Vertrautheit, in der sie mit dem Herrn lebte, zu entdecken. Diese innige Liebe, von der Jesaja spricht, hat das Herz von Marthe erfüllt. Sie hat sich lieben lassen. Sie hat sich zur Quelle des lebendigen Wassers und zum Licht führen lassen: "Dass ich doch ohne Unterlass ein kleiner Feuerherd sei", schreibt sie. "Für mich ist Christus mein Leben, meine Augen und mein Herz, mein ganzes Wesen ist von ihm erfüllt." Sich lieben zu lassen ist manchmal anspruchsvoller als zu lieben, oder glauben zu lieben. Es ist ein geistiger Kampf des sich Überlassens und der Vereinigung. Sie schreibt: "Meine Hingabe besteht ganz aus Vertrauen, Demut und Liebe... Der schwierigste Weg wird leicht durch die Hingabe und die Liebe" (1931). Diese Sprache stimmt nicht mit der Logik der Welt überein.

Marthes Fruchtbarkeit geht über das Kreuz

Aus diesem von Marthe gelebten Weg entspringt eine Fruchtbarkeit, die man sich am Tag ihrer Geburt nicht im Geringsten hätte vorstellen können. Marthes Fruchtbarkeit geht, wie die von Jesus und mit ihm, über das Kreuz. Jesus hat es uns schon gesagt: "Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein" (Lk 14,27). Marthe will ein Jünger Jesu sein. Sie will auch, wie sie 1932 schreibt, "teilhaben am Erlösungswerk Jesu". Sie hat sich von der Güte des Herrn erfüllen lassen, sie hat sich dieser innigen Liebe überlassen und nimmt so am Erlösungswerk teil. "Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt" (Kol 1,24), schreibt der heilige Paulus an die Kolosser. Auch der heilige Augustinus denkt, dass jeder Christ berufen ist, mit dem Leiden Christi vereint zu sein zum Nutzen der ganzen christlichen Gemeinde. Es ist Christus, der diese erlösende Fruchtbarkeit vollzieht, und nur Er allein. Deswegen sagt Marthe: "Das Kreuz ist ein Kreuz der Liebe", und: "das Herz Jesu am Kreuz ist die unverwundbare Wohnung, die ich auf Erden gewählt habe.".

Marthe ist auf innigste Weise mit dem Kreuz Christi verbunden, mit dem "gekreuzigten Gott", den der heilige Paulus verkündet. Sie ist es auf mehrere Art. Was man die Passion von Marthe nennt, sind Zeiten der Kontemplation des gekreuzigten Gottes. Was man die Passion von Marthe nennt, sind Zeiten der Kontemplation des gekreuzigten Gottes. Diese Tage, an denen sie die Passion Jesu wieder lebt, sind die Quelle ihrer Fruchtbarkeit. Die Art, wie sie ihre Krankheit und ihre Behinderung bewältigt, während deren Fortschreiten sie nach und nach ihre Hände, ihre Augen, ihren Körper aufgibt und dem Herrn opfert, ist die Quelle der Fruchtbarkeit. Und damit hilft Marthe, ein Licht zu sein auf dem Weg derer, die ein schweres Joch zu tragen haben durch Krankheit und Behinderung. Auch im täglichen und sozialen Leben gibt es Realitäten, die schwer zu tragen sind: Arbeitslosigkeit, Trennungen, familiäre oder eheliche Niederlagen, Ausgeschlossenheit, Einsamkeit. Marthe war immer dem Elend der Menschen nahe, vor allem den "Kleinsten", den Benachteiligten, den Gefangenen. Sie ist es auch heute noch:
Hoffnungsträgerin, wo sich Verzweiflung einschleicht. "Kleines Licht", wenn sich die Dunkelheit einstellt. Quelle klaren und reinen Wassers inmitten der Dürre.

Sie drückt, so wie es jeder Christ tun soll, die aufmerksame Nähe dessen aus, den sie ihren "Vielgeliebten" nennt. Das alles schafft sie mit ihrer Diskretion und ihrem Kleinsein, im Bewusstsein ihrer Armut, sie nennt es ihr "Unvermögen von Nichts" (Oktober 1931).

Marthe, Tochter Gottes und Tochter der Kirche

Was auffällt bei Marthe ist gerade diese Kleinsein. Sie ist auf ein Nichts reduziert, und die Quelle, aus der sie schöpft, wirkt alles in ihr. Obwohl krank und eingesperrt, ist sie erfüllt von missionarischer Tätigkeit. Sie ist Tochter der Kirche und erfüllt an dem Ort, wo sie lebt, ihre Aufgabe als Getaufte. Sie ist eine "christustreue" Person, die empfängt. Zehntausende von Personen, die zu ihr gekommen sind, bezeugen das. Einfach mit ihrem gesunden Menschenverstand als Bäuerin und ihrem Glauben als Tochter Gottes und Tochter der Kirche, hat sie etwas von der Freude, die der Herr in sie legte, weitergegeben. Sie strahlt die Hoffnung aus, die in ihr wohnt. Sie begünstigt die Begegnung der Liebe, die sie aus dem Herzen Gottes schöpft. Sie trägt ihre Besucher und schließt sie in ihr Gebet ein, wie sie zu sagen pflegte.

In diesen Begegnungen, ganz von Echtheit und Einfachheit gezeichnet, werden Berufungen klarer. Gruppen oder Bewegungen werden in der Kirche ins Leben gerufen oder stabilisieren sich, es ist wie das überfließende Wasser um eine Quelle oder um einen Brunnen herum.

Empfangen ist eine wahre Aufgabe der Kirche. Heute mehr denn je braucht die Kirche Personen, die zum Empfang bereit sind. Das ist eine Aufgabe für alle Christen, besonders in den neuen Pfarreien.

Die Gründung des Werkes

Marthe ist zu allen Wagnissen bereit, wenn es, wie sie schreibt, "um die Liebe und den Ruhm Gottes" geht. Von ihrem Krankenbett aus ergreift sie die Initiative, eine christliche Schule für Kinder zu schaffen. Das Werk der Foyers wird mit dieser kleinen Schule und dem Gebet der Kinder anfangen. Mit der Ankunft von Père Finet entwickelt sich das Werk der Foyers. Die ersten Exerzitien werden gehalten und bald entstehen Foyers in Frankreich, in Europa und in der Welt: Die Foyers des Lichtes, der Gottes- und der Nächstenliebe. 1986 wurden die Foyers als Gemeinschaften päpstlichen Rechtes anerkannt. Im Jubiläumsjahr 2000 (Dokument am 8. Dezember 1999 unterzeichnet) wurden die Statuten definitiv anerkannt. Marthe hatte ein "Neues Pfingsten der Liebe" gewünscht. Das verwirklicht sich durch die Foyers und bekommt seine ganze Kraft mit dem Konzil, das Marthe erwartet hatte und das sie wie ein Geschenk Gottes für die Kirche und für die Welt aufnahm. Nach dem wunderschönen Ausdruck von Papst Paul VI. bringen die Foyers "viel Seele" mit.

"An den Früchten erkennt man den Baum" (Mt 12,33) sagt uns Jesus. Wir feiern den hundertsten Geburtstag von Marthe, um Dank zu sagen. Gemeinsam haben wir einige gut sichtbare Früchte betrachtet, die das Leben von Marthe veranschaulichen. Es gibt noch andere, viele andere. Diese Früchte kommen vom Herrn, der im ganz einfachen Leben seiner treuen Dienerin aufgenommen worden ist. Marthe hat ihren Willen und alles, was sie war, ohne Einschränkung gegeben. Sie hat es gelebt, begleitet von Maria, die sie so sehr liebte und "meine geliebte Mama" nannte und im Geiste des "Ja" Mariens. Sie hat ihre Weihe an Maria mit den Worten des heiligen Ludwig Maria Grignion von Montfort vollzogen. "Ich erwähle dich heute, o Maria, zu meiner Mutter und Königin".

Und jetzt wollen wir mit Marthe ihr Gebet beten, das oft in den Foyers gebetet wird: "Gute Mutter! Auf dem Weg der Liebe bist du zur Heiligkeit gelangt. Entzünde auch in unseren Herzen das Feuer der Liebe. Gib, dass unsere Gedanken immer nach der Vereinigung mit der heiligsten Dreifaltigkeit streben. Du begleitest uns auf dem Weg zur Verherrlichung. Lass uns arme Pilger an Deiner Seite gehen. Nimm uns auf in die Geborgenheit Deiner Liebe. Wende uns Deine barmherzigen Augen zu. Sei uns in Deiner Reinheit ein leuchtendes Vorbild. Erfülle unser Herz mit Deiner Güte. Trage uns in das Licht und in die Liebe, trage uns immer weiter und höher in die Herrlichkeit des Himmels. Lass nicht zu, dass jemals unser Friede gestört werde, noch dass unser Denken sich von Gott abwende. Jede Minute soll uns den Tiefen des erhabenen Geheimnisses näher bringen, bis zu dem Tage, da unsere Seele, dem Licht der göttlichen Vereinigung voll geöffnet, alles in der ewigen Liebe und Einheit schauen wird." Amen.