Die Fundamentalexerzitien
"das Kleinod der Foyers de Charité"

Père Bernard MICHON
Verantwortlicher der Foyers de Charité

 

In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts sagte Marthe zu Père Livragne, einem Oratorianerpriester, der nach Châteauneuf kam, um hier Exerzitien zu geben: "Alle Christen sollen am Leiden Christi teilhaben, um an ihrem eigenen Leib zu ergänzen, was an den Leiden Christi noch fehlt. Ich bin nur ein Zeichen, ein Aufruf für alle Christen." Wir nennen diesen "Aufruf" inzwischen die Fundamentalexerzitien. Père Finet sagte: "Exerzitien der Christenheit", um zu unterstreichen, dass sie für alle Christen geeignet ist. Die Bedeutung des Wortes Christenheit hat sich weiter entwickelt und verengt. Heute sprechen wir lieber von den Fundamentalexerzitien, in dem Sinn, dass sie die Fundamente legen, die Grundlagen für das ganze christliche Leben: sie entsprechen genau dem, was die erste christliche Generation das Kerygma nannte; sie beinhalten in fünf vollen Tagen den Katechismus der katholischen Kirche, jenes Werk, das der Heilige Vater als "Bezugspunkt für die Christen des dritten Jahrtausends" vorstellte. Unter den Kirchenvätern halte ich den hl. Irenäus für ein Vorbild und einen Meister: mit seinem Erweis der apostolischen Verkündigung und den Kapiteln 3 und 4 von Adversus Haereses verstand er es, der Kirche, den Christen, die von der Gnosis hin- und hergezogen wurden, die von ihm so genannte "Symphonie des Heiles" geben. Diese Fundamentalexerzitien präsentiere ich den Teilnehmern auch als "Wirbelsäule des Christen", die alle Dimensionen und Hauptforderungen eines christlichen Lebens in der Welt als Antwort auf das Evangelium fest und zugleich elastisch zusammenhält: " Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist" (Mt 5,48). In Afrika empfehlen mehrere Bischöfe allen ihren Katechisten und Seminaristen im Propädeutikum diese Exerzitien.

Ich lasse auf jeden Fall Père Finet sprechen, damit er selbst diese Exerzitien vorstellt, die er in einem Zeitraum von 53 Jahren, von den ersten im September 1936 bis zu den allerletzten im Januar 1990 gehalten hat. (Er ist am 14. April 1990 gestorben). Da es viel zu sagen gibt, hier die Übersicht:

1. Quellen und Entwicklung der Fundamentalexerzitien
2. Ihre Kennzeichen
3. Inhalt und Zusammenhang der Unterweisungen

Mein Wunsch ist es, Ihnen zu zeigen, dass diese Exerzitien ein geeignetes Mittel sind, auf die großen Bedürfnisse der Kirche zu reagieren, die Apostel in der Welt heranbilden will. Diese braucht man in der Mission und überall, in allen Lebensmilieus und allen Ländern.

Die Verkündigung des Evangeliums erfordert einen "persönlicheren und reiferen, reflektierten und überzeugten Glauben ... Die Christen sind also aufgerufen, einen Glauben zu kultivieren, der ihnen erlaubt, sich kritisch mit der gegenwärtigen Kultur auseinander zu setzen und ihren Verführungen zu widerstehen; die Bereiche von Kultur, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik wirksam zu beeinflussen; deutlich zu machen, dass die Gemeinschaft der Mitglieder der katholischen Kirche untereinander und mit den anderen Christen stärker ist als jedes ethnische Band; den Glauben voll Freude an die jungen Generationen weiterzugeben; eine christliche Kultur aufzubauen, die in der Lage ist, die vielschichtige Kultur, in der wir leben, zu evangelisieren." (Joh. Paul II. , Ecclesia in Europa, Nr. 50).


I. Quellen und Entwicklung der sogenannten Fundamentalexerzitien

Wir verfügen über sechs Exerzitien, die von Père Finet gehalten wurden, fast komplett auf Tonband aufgenommen, von 1965, 1968, 1973, 1976, 1978 und die letzte von 1981.
Dazu kommen zahlreiche Kassetten bzw. Tonbänder mit Vorträgen, die vor der Gemeinschaft, vor Schülern oder Eltern von Schülern gehalten wurden.
Von1940 an besitzen wir auch Aufzeichnungen von Teilnehmern und Foyerpères, die sich das Wesentliche aus diesen Vorträgen aufschreiben konnten.
Außerdem hat Père Finet viel aus seinen persönlichen Notizen als Exerzitienteilnehmer geschöpft, mit seiner schönen und regelmäßigen Handschrift festgehalten, ebenso aus seiner Lektüre, insbesondere den lehramtlichen Texten, den Unterweisungen der Päpste und Bischöfe. Das war seine Art, eine Unterweisung "der Kirche, der Kirche, der Kirche" zu geben, und nicht in erster Linie die Ansichten einer Person oder einer Gruppe. Zur Entspannung seiner Zuhörer ließ er sich auch stark von seinen Reisen anregen, oder von Einzelheiten aus seinem Leben oder seiner Familie, selbst auf die Gefahr hin, den Erinnerungen manches hinzuzufügen... Und nie haben die Exerzitienteilnehmer jenen kleinen Satz vergessen, der alles zusammenfasste: "Die Freude der Liebe ist die Freude des Austausches". "Die Wahrheit ohne Liebe macht hart; die Liebe ohne Wahrheit verdirbt". "Freund, halte deine Sehnsucht nicht auf". "Leben heißt empfangen, um zu geben".
Man kann sagen, der Père hat seine Exerzitien unablässig ausgebaut und stets verbessert. Ab 1936 greift er zurück auf die Ignatianischen Exerzitien, die er beispielsweise in Notre Dame d'Ay mitgemacht hat. Und allmählich nahmen seine Exerzitien ihre Form an und entwickelten sich, insbesondere dank der Fragen und vertraulichen Mitteilungen zahlreicher Exerzitienteilnehmer und Beichtkinder, nicht zu vergessen seine täglichen Treffen mit Marthe, die ebenfalls Bemerkungen machte, Akzente setzte und ihre Zustimmung oder Ablehnung äußerte. Dies ging so weit, dass man sagen kann, die Unterweisung stammt von beiden zugleich, wenn man auch unmöglich unterscheiden kann, was von wem stammt.
Père Finet hat mit dem Faden, den er von den Exerzitien des hl. Ignatius aufgenommen hatte, Stück für Stück seine Exerzitien zusammengestellt. Freilich, um etwas aufzubauen, braucht man Material; man braucht auch ein Ziel; sein Ziel war, wie wir noch sehen werden, "dass die Gläubigen zu Aposteln werden". Diese Worte stammen von Marthe, aus ihrer ersten und entscheidenden Begegnung am 10. Februar 1936:
« In der zweiten Stunde schlug sie [Marthe] einen anderen Ton an und sprach mit mir über die schmerzlichen und erfreulichen Ereignisse, die geschehen sollten. Ich nenne hier, was sie mir an erfreulichen Ereignissen sagte. Sie kündigte mir insbesondere ein neues Pfingsten der Liebe an, dem eine tiefe Erneuerung der Kirche vorausgehen sollte, und das von einer großen missionarischen Begeisterung gekennzeichnet sein werde, in dem sich zahlreiche Laien in diesem Apostolat einsetzen würden.
,Aber wer wird diese Laien heranbilden?' ­ ,An vielen Orten, gab sie mir zur Antwort, insbesondere in den Foyers des Lichtes, der Nächstenliebe und der Gottesliebe'. Zum ersten Mal hörte ich diese Bezeichnung. Später verstand ich, dass das Licht die Unterweisung des Priesters war, die uns zur Liebe Gottes führen sollte. Dazu muss man aber zuerst die brüderliche Liebe üben. Das haben wir zusammengefasst in dem Namen: Foyers de Charité.
Es war 16 Uhr... Marthe sah mich mit Bestimmtheit an und sagte: ,Herr Pfarrer, ich habe Ihnen von Gott eine Bitte auszurichten: Sie sind es, der nach Châteauneuf kommen und das erste Foyer de Charité gründen soll'. In meiner Überraschung erwiderte ich: ,Aber ich gehöre nicht zu dieser Diözese!' ­ ,Was kann das ausmachen, wenn Gott es will'. ,Oh, entschuldigen Sie, daran habe ich nicht gedacht! Aber was soll ich da tun?' ­ ,Viele Dinge, sagte sie mir, vor allem Exerzitien halten'. ,Das kann ich nicht.' ­ ,Sie werden es lernen'. ,Exerzitien über drei Tage?' ­ ,Nein, antwortete sie, denn in drei Tagen verwandelt man keine Seele. Die Gottesmutter wünscht fünf volle Tage'. ,Aber für wen sind diese Exerzitien gedacht?' ­ ,Am Anfang für Frauen und Mädchen'.
,Aber zwischen den einzelnen Vorträgen, antwortete ich, soll ich da Gruppentreffen organisieren, damit die Teilnehmer ihre Eindrücke austauschen können?' ­ ,Nein, sagte sie mir, die Gottesmutter wünscht vollständiges Schweigen'. ,Wie soll ich denn von Frauen verlangen, fünf Tage lang zu schweigen?' ­ Sie sagte mir: ,Aber wenn es doch Gott so wünscht...'. ,Oh, entschuldigen Sie, daran habe ich nicht gedacht'. Ich musste also zusagen.
,Wo soll ich diese Exerzitien halten?' ­ ,Für den Anfang in der Mädchenschule'. ,Ist sie dafür eingerichtet?' ­ ,Nein, sagte sie mir, man muss vieles ausbessern'. ,Aber wer führt denn diese Arbeiten durch?' ­ ,Sie selber'. ,Aber mit welchem Geld?' ­ ,Machen Sie sich keine Sorgen, die Gottesmutter wird darüber wachen'.
,Wie soll ich Exerzitienteilnehmer in dieses unbekannte Dorf bringen?' ­ ,Die Gottesmutter selbst wird sie Ihnen schicken'. ,Wann soll ich diese ersten Exerzitien halten?' ­ ,Von Montag, 7. September (1936) bis zum Sonntag darauf'. ,Ich kann es nicht ablehnen, aber ich muss noch die Erlaubnis meiner Oberen einholen'. ­ ,Oh ja! Sie müssen sich unter den Gehorsam stellen'. Als ich aus dem Zimmer von Marthe herauskam, dachte ich mir: ,Was für ein Abenteuer!', aber ist der Glaube nicht oft ein Abenteuer?"
Bis zum Ende seines Lebens kam der Père immer wieder auf seine erste Begegnung mit Marthe zurück, wie man zu einer nie versiegenden Quelle zurückkehrt.

In den von ihm gehaltenen Exerzitien verstand er es, aus allem, was er empfangen hatte, seine besondere Mischung zu bereiten. Man kann besonders hervorheben, was dazu an Beiträgen kam durch:

1. Père Joseph Babolat, den er 1925 bei Exerzitien in der Kartause von Sélignac, im Departement Ain, kennen gelernt hatte. Zusammen haben sie 1938, also in der Zeit, als Père Finet hier in den Ferien damit begann Exerzitien zu halten, ein kleines Meisterwerk geschrieben: "Die katholische Glaubenslehre". Ich denke, dass die Redaktion dieses Buches ihn für seine ersten Exerzitien sehr stimuliert hat.
2. Père Monier, ein Jesuit, der zwischen 1948 und 1968 hier Exerzitien hielt. Er war eine Art Prophet. Er besaß eine große Offenheit. Man findet hier und da bei Père Finet Sätze, die immer eine Offenheit zeigen, wie etwa diesen: "Sie kommen nicht hierher, um in ihren kleinen Gewohnheiten einzuschrumpfen, sie kommen hierher, um auf dem weiten Ozean Luft zu holen, um entdecken zu können, wie groß, weit, tief die Liebe Christi ist. Die Kirche ist kein Geschäft und kein Hinterhofladen. In die Kirche treten Sie nicht ein, um sich unterzustellen. Sie kommunizieren mit Christus, und Christus sagt Ihnen, dass er der lebendige und wahre Weg ist".
Père Monier war sehr paulinisch, und dies half dem Père, den heiligen Paulus zu vertiefen, so dass er oft sagte: "Man muss Johannes durch Paulus und Paulus durch Johannes erklären". Père Monier machte ihm die Radikalität der Bergpredigt klar.
Es war bei Exerzitien, die 1952 von Père Monier gehalten wurden, dass Père Finet eine Eingebung erhält und weiter entwickelt, die ihn sehr geprägt hat. Ich zitiere Père Monier nach den Aufzeichnungen von Père Finet: "Man muss Gott in seinem Denken begegnen, in seinem göttlichen Willen, in seinen göttlichen Taten. Sonst stochert man ins Leere. Man muss sich also in Freiheit mit dem Denken Gottes und seinem Plan für die Welt verbinden. Es gibt nur einen Plan, den Plan Gottes, wie es Paulus im Epheserbrief ausgeführt hat." Von diesem Tag im Jahr 1952 an wird Père Finet seine Exerzitien ganz von Gottes Plan her aufbauen; Wort für Wort, manchmal in langen Exkursen, wird er den Hymnus am Anfang des Epheserbriefs kommentieren.
3. Weitere große Etappe von 1965 an, das Konzil: der Père nahm das Konzil mit Freude, ja Enthusiasmus auf, als Erhörung seines und des Gebets von Marthe. Er hat seine Arbeit mit viel Interesse verfolgt. Das Konzil hat ihn in gewisser Weise in seinen Gedanken bestärkt und in dem, was die Foyers lebten, besonders die Berufung der Laien in der Kirche.
Deshalb sprach er ab 1966, vom Dienstag Morgen an von der Berufung der Laien nach "Lumen Gentium", und stützte sich dabei auf den Artikel "Volk Gottes", der in der Zeitschrift Missi erschienen war; 1967 machte er sich den Vortrag von Paul VI. bei einem Weltkongress für das Laienapostolat, seine Enzyklika über die Evangelisierung und sein Credo zu eigen. 1976 verwendete er auch ausgiebig einen Vortrag von Bischof Honoré über den "Geist des 2. Vatikanums".
4. Noch viele andere Exerzitienmeister haben ihn stark geprägt, so sehr, dass er von ihnen manchmal den einen oder anderen auch langen Vortrag in Gänze aufgegriffen hat: der Jesuit Père Varillon, der Oratorianer Père Livragne; der Jesuit Père Fournier; der Dominikaner Père Marie-Dominique Philippe, ein Professor an der Universität Fribourg. Père Finet, der sehr johanneisch geprägt war, ist in seine Gedanken tief eingedrungen, und übernahm vieles von ihm. Im Kontakt mit Père Philippe hat er auch den von ihm so genannten Kontext des Lebens und die Atheismen erheblich weiter entwickelt.
Dies sind die Quellen und die Entwicklung der sogenannten Exerzitien der Christenheit. Ich meine, dass wir als Foyerpères hier ein schönes Beispiel für eine kontinuierliche Weiterbildung vorfinden; ich bewundere es und bemühe mich, es ebenso zu machen.

II. Die Kennzeichen dieser Exerzitien

Ich zitiere Père Finet, wie er sich im November 1968 an die Exerzitienteilnehmer wendete. Es ist Dienstag, also zu Beginn der Exerzitien:
« Diese Exerzitien haben eine kleine Eigenheit in dem Sinn, dass wir Ihnen hier eine Synthese geben, und eine Zusammenfassung der Lehre. Man verlangt von Ihnen weniger, Punkte im Gebet zu meditieren und zu durchdenken, sondern in den Foyer de Charité ist es mehr eine Unterweisung, die wir Ihnen geben. Denn die Foyers de Charité sind vor allem Foyers des Lichtes. Und nach dem Wunsch des Herrn selbst für alle Foyers ist es unsere Berufung, zunächst Foyers des Lichtes zu sein, das heißt Foyers, in denen man unterweist. Man unterweist auf zweierlei Art: zuerst durch das lebendige Zeugnis einer christlichen Laiengemeinschaft (wir sind hier 120). Und zweitens, durch die Unterweisung, die durch den Père der Gemeinschaft denen gegeben wird, die kommen, um eine Vertiefung der Botschaft Christi zu suchen, und diese Unterweisung geschieht im Laufe von 21 Vorträgen, und diese 21 Vorträge sind untereinander verkettet, der eine verlangt nach dem nächsten. Sie verstehen sicher, wenn ich Ihnen zum Beispiel in einem Vortrag sage, dass man zum Beten in sein Zimmer gehen, schweigen und die Türe schließen soll, Sie den anschließenden Vortrag erwarten müssten, in dem ich sagen werde, dass zwei oder drei im Namen Christi versammelt sein sollten, um vom Vater erhört zu werden. Sie begreifen: man muss auf beiden Füßen gehen. Ab und zu werde ich auf dem linken Fuß gehen, ab und zu auf dem rechten. Aus diesem Grund muss man genau bedenken, dass die Kraft der Botschaft Christi in ihrem Gesamt liegt. Was wir hier tun, sehen Sie, das ist außerordentlich wichtig, und es ist gerade dann sehr wichtig, wenn Sie an Ihre große Berufung denken, auf die ich noch zurückkommen werde.
Aber in jedem Fall halte ich mich von Anfang an bei diesem Vortrags daran, Ihre Berufung zu unterstreichen, die Ihnen durch das Konzil angedeutet wurde. Und das hat ein enormes Gewicht. Und Sie wissen, das Konzil hat Ihnen gesagt: das Volk Gottes ­ und Sie werden vom Konzil ,Volk Gottes' genannt ­ muss wahrhaft ,Zeugnis ablegen von dem Glauben, den es in sich trägt'. Ich werde im nächsten Vortrag darauf genau eingehen. Und ich füge außerdem hinzu, immer im gleichen Gedankengang, was auch noch überaus wichtig ist: bisher hatte man mir gesagt: die Kirche ist die Gemeinschaft der Gläubigen unter der Leitung der rechtmäßigen Hirten. Momentan gibt es einen Ausdruck, den uns einerseits das Konzil, anderseits Papst Paul VI. gibt: Was ist Ihr Name? Gestern nannte ich mich ,Gläubiger', und heute müssen Sie sich einen ,Apostel' nennen. Hier haben wir vielleicht eine der entscheidenden Umwälzungen des Konzils. Genau hier.
Und ich bleibe bei diesem Punkt, wenn ich sage: ,das Prinzip ist grundgelegt': Ich zitiere hier die Ansprache Pauls VI. vor den Mitgliedern des Laienapostolats im vergangenen Jahr (1967):
"Das Prinzip ist grundgelegt, und damit sagt man bereits, wie wichtig es in eben jenem Text der dogmatischen Konstitution über die Kirche ist: ,Die im Volk Gottes versammelten und dem einen Leibe Christi unter dem einen Haupt eingefügten Laien sind, wer auch immer sie sein mögen (beachten Sie den Ausdruck: wer auch immer sie sein mögen), berufen, als lebendige Glieder zum Wachstum und zur ständigen Heiligung der Kirche beizutragen'. Diese Begriffe haben eine außerordentliche Kraft. Ich persönlich glaube, dass man etwa ein Jahrhundert brauchen wird, um ihre ganze Kraft auszuschöpfen. Aber schon jetzt müssen wir uns in diese Richtung orientieren. ,So obliegt allen Laien die ehrenvolle Bürde, dafür zu wirken, dass der göttliche Heilsratschluss mehr und mehr alle Menschen aller Zeiten und überall auf der Erde erreiche.' (Konstitution Lumen Gentium, Nr. 33). Oh! das ist eine weltweite Sicht, und der Papst fährt fort: ,Die Kirche anerkennt also den Laien nicht nur als Gläubigen, sondern als Apostel'. Dieser Satz beherrscht die ganzen Exerzitien. Sie kommen hierher, um ihre Berufung als Apostel zu entdecken und auf ihre Berufung zum Apostel zu antworten. Sie wissen, wir müssen weit mehr sein als einfach nur ,Gläubige'. Oder aber, wir geben dem Wort ,Gläubige', wenn Sie so wollen, seinen vollen Sinn. Dazu kommen Sie hierher, nicht nur als Gläubige, sondern als Apostel. Die Kirche anerkennt also die Laien, nicht nur als Gläubige, sondern als Apostel.
[Fortsetzung der Ansprache Pauls VI.] ,Und indem sie vor sich ein fast grenzenloses Feld eröffnet, richtet [die Kirche an die Laien] vertrauensvoll die Einladung des Gleichnisses im Evangelium: ,Geht auch ihr in meinen Weinberg' (Mt 20,7). Diese Arbeit wird vermehrt und erweitert werden. Nachdem das Konzilsdekret über das Apostolat der Laien mit Festigkeit das Prinzip errichtet hat, dass ,die Berufung des Christen von ihrer Natur her eine Berufung zum Apostolat ist' (auch ein Satz, den man sich merken sollte), verwendet es zwei volle Kapitel darauf, die ,verschiedenen Felder' und die ,verschiedenen Weisen' dieses Apostolates genauer zu bestimmen."
(Ansprache von Paul VI. vor dem 3. Weltkongress für das Apostolat der Laien am 15. Oktober 1967).

III. Inhalt und Zusammenhang der Unterweisungen

1. « Ich werde Ihnen eine Zusammenfassung der Lehre geben »
Ich möchte diese Bekräftigung des Père Finet mit einem Zeugnis veranschaulichen:
« In dieser Woche habe ich diese außergewöhnliche Zusammenfassung wiedergefunden, so vollständig, so erfüllt von Ausgewogenheit und Frieden, von der Kraft Ihres Glaubens, der Richtigkeit ihrer Gedanken und Ihres wunderbaren Humors. Natürlich geht Ihnen das während des Jahres nicht verloren, aber es ist nicht das gleiche, es ist weniger konzentriert. Jedes Jahr mache ich Exerzitien, die für die Mitglieder des Foyers organisiert werden, es ist immer ein Licht und eine Zeit der Innigkeit, aber es ist nicht das gleiche wie die Exerzitien der Christenheit.
Die Exerzitien der Christenheit sind viel umfassender. Sie vermitteln uns alles: den Vater, den Sohn, den Geist, die Kirche, die Brüder und sich selbst ganz und gar. Ihre Erfahrung und Ihre Tiefe dringen so sehr in uns ein, dass wir davon für das ganze Leben geprägt bleiben. »

2. Ein anderer Hauptakzent, auf den Père Finet großen Wert legte: die Vorträge der Exerzitien sind eine lebendige Unterweisung, denn die Lehre ist für das Leben da.
« Es handelt sich nicht um eine Lehre, sondern um einen Geist, den Sie hier erleben. Ja, es ist ein Leben. Die Botschaft Jesu ist sehr einfach und kann uns helfen, recht zu leben. Sie berührt die Probleme des alltäglichen Lebens. Es geht nicht um große Theologie, es geht um außerordentlich lebendige Probleme. Im Evangelium werden Sie Antworten auf unser Alltagsleben finden, die uns tief anrühren. In der Katechese muss man immer die Punkte lehren, die mit dem täglichen Leben zu tun haben, die uns helfen, recht zu leben... Die Botschaft Jesu ist ganz lebendig. Wenn man die Botschaft Jesu vertieft, braucht man keine großen Spekulationen anzustellen, es ist viel einfacher: Jesus lehrt uns, recht zu leben, in einer kindlichen und brüderlichen Beziehung, als Familie und in unseren christlichen oder weltlichen Gemeinschaften. Man kann Jesu Botschaft in drei Wahrheiten zusammenfassen, die sich nicht auseinander dividieren lassen:
· Gott ist Liebe
· Sein Vater ist ebenso unser Vater
· Das göttliche Leben ist ein wirkliches Geschenk. »

3. « Sie sind gekommen, um Jesus persönlich zu begegnen »
« Unsere christliche Berufung ist die Entdeckung einer lebendigen Person. Ich möchte, dass Sie davon ab heute Abend überzeugt sind. Sie sind hergekommen, um dem Lamm Gottes zu begegnen, in einem Geist der Armut und in einer persönlichen Begegnung. Ich will Ihnen Jesus geben.
Sie kommen nicht hierher, um Substantiven zu begegnen. Die Religion ist keine Ansammlung von Substantiven, die in Ihr Leben treten: die Religion ist nicht in erster Linie die Tugend, die Frömmigkeit ­ nicht, dass diese Dinge unwichtig wären ­ sondern die Religion ist eine Person. Es ist die Person Jesus, die kommt und sich Ihnen schenkt, die mit Ihnen in Kontakt tritt. Ich werde Ihnen, die Sie mehr oder weniger durch den Existentialismus geprägt sind, die Person geben, die sich uns gegeben hat, die Person Unseres Herrn Jesus Christus. »

4. Das Schweigen
Der Père sprach über die Notwendigkeit des Schweigens aus Liebe, « denn lieben heißt auf ein Wesen zu horchen, aufmerksam sein für eine Person, auf ein Herz achten, um seine kleinsten Signale zu hören und es in seinen kleinsten Wünschen zufrieden zu stellen. Das Schweigen der Seele ist kein selbstzufriedenes auf sich selber Hören.
Ich fasse zusammen: Sie werden auf das Schweigen achten müssen. Sie sind hierher gekommen, um auf den Heiligen Geist, auf die Liebe zu hören, da braucht es die Stille, sie ist unverzichtbar. Dieser Wunsch nach Stille ist der Wille des Himmels. »

5. Das Gebet
« Zwischen den Vorträgen haben Sie immer eine oder anderthalb Stunden Pause. Das ist die Zeit, in der die Exerzitien sich abspielen. Man muss ,Zeit für Gott verbrennen'. In diesen Unterbrechungen, sollten Sie täglich eine Zeit für das Gebet, für die Betrachtung reservieren. Das heißt, Sie sollten den einen oder Gedanken, den Sie aus der Unterweisung, aus dem Wort Christi mitnehmen, noch einmal aufgreifen, in der Weise, dass Sie ihn zum Ausgangspunkt Ihres ,Wiederkäuens', Ihrer Betrachtung, das heißt Ihres Gebetes, machen. Dies ist überaus wichtig. Ich werde darauf zurückkommen, ich werde Sie im Lauf dieser Exerzitien lehren, wie Sie Betrachtung halten können, denn wenn Sie Männer und Frauen der Aktion sein wollen, müssen Sie Männer und Frauen der Kontemplation sein. Heutzutage sagt man nicht Aktion oder Kontemplation, man spricht von Kontemplation und Aktion. Man setzt das ,und' und nicht das ,oder'. Sie sind nicht für die Aktion oder für die Kontemplation, Sie sind als Laien für beides.
Exerzitien sind im wesentlichen eine Angelegenheit des Gebetes. Die Anleitungen haben ihren Wert nur in dem Maß, als sie auf das Gebet vorbereiten. »

6. « Alles in allem: Sie sind hier für eine Wieder-Geburt »
« Sie sind hierher gekommen, um mehrere ,wieder' aufzusammeln: um die Dynamik Ihres Denkens, Ihrer Intelligenz, Ihres Blickes, Ihrer inneren Stärke wieder zu erneuern, kurz und gut: um wieder-geboren zu werden. Man muss ständig von neuem geboren werden, also neu anfangen. Denn das Leben ist eine Reihe von Krisen, die sich lösen, von Endpunkten und Neuanfängen. Die berühmte Krise zwischen 18 und 25, die Krise mit 40 Jahren (,man bricht sich oder man bräunt sich!'). Wir müssen wieder geschaffen werden, um wieder aufzubrechen. »

Ich möchte zum Abschluss dieser kurzen Vorstellung unserer vorrangigen Sendung betonen, wie sehr die Bischöfe, die ich heute auf dem einen oder anderen Kontinent besuche und die ein Foyer de Charité in ihrer Diözese oder weiter entfernt in ihrem Land haben, die langfristigen Früchte all dieser Exerzitien schätzen. Diese Früchte sind Männer und Frauen, die jetzt als Christen, als ausgebildete Christen, in ihrem Lebensumfeld, ihrem Beruf, ihrer Verantwortung, ihrem Apostolat in der Welt und der Kirche stehen. Damit diese Exerzitien und ihre langfristigen Früchte weiter gehen können, bitten die Bischöfe einen Priester, nach Châteauneuf zu kommen und hier und in anderen Foyers die besondere Gnade zu entdecken, auf die sich alle Foyers und ihre Exerzitien stützen. Diese Fundamentalexerzitien sind unser "Kleinod", so wie der Prophet Ezechiel seine Frau als "die Freude seiner Augen" , wie Gott der Herr selbst Jerusalem als "die Freude seiner Augen" betrachtete (Ezechiel 24,16 und 21).

Ich schließe mit einem Gebet von Marthe für die Exerzitienteilnehmer, während einer Woche im August 1937:
« Mein Gott, du hast schon solche Gnaden und Segnungen über unsere Exerzitien ausgebreitet. Ich bitte dich, breite weiter über alle diese Seelen deine ganz himmlischen Gunsterweise aus. Blicke erneut mit einem langen Blick der Liebe auf alle diese Seelen. Lass sie verstehen, wie sehr man oft sterben muss, um ganz zu leben."
Oh liebe Mutter, trage sie alle mit dir in die Dreifaltigkeit. Mögen sie jeden Tag ein wenig besser verstehen, damit sie vollkommen verstehen. »

P. Bernard MICHON